SEKTION Vormoderne Geschichte

Thema Japanische Geschichten von Kindheit und Jugend. Konzeptionen und Erfahrungen der frühen Lebenszeitalter bis zum Anbruch der Moderne
Sektionsleitung   Michael Kinski (Frankfurt), Markus Rüttermann (Nichibunken, Kyōto), Harald Salomon (Frankfurt)
Raum und Zeit G 209 | Donnerstag, 30.8.2012 | 09:00–10:30, 11:00–12:30
 
09:00–10:30 Katja Ferstl (Universität München): Frühe Popularität von Kinderfotos in Japan (1858–1912)
Eike Grossmann (Universität Frankfurt): Vor dem Bad des ersten Kindes tauche man den Schädel eines Tigers in das Wasser. Geburtsriten der Heian-Zeit am Beispiel von Prinz Atsuhira (1008)
André Linnepe (Chūō-Universität Tōkyō): Kindheit und Jugend im Japan der Frühen Neuzeit. Analyse des Befriffsinventars zur Beschreibung der frühen Lebensphase in Yamaga Sokōs (1622–85) Kultivierungsdiskurs über den „Weg des Kriegers“ (shidō)
 
11:00–12:30 Felix Milkereit (FU Berlin): Kabukimono und Wakaimono. „Jugend“ und „Jugendkultur(en)“ in der japanischen Vormoderne.
Harald Salomon (HU Berlin): Japanische Kindheitskultur am Vorabend der Moderne. Eine Untersuchung der "Kaiserlichen Stiftung für liebevolle Erziehung" aus den 1930er Jahren
Markus Rüttermann (Nichibunken, Kyōto): Von Koshoro an Oma. Anmerkungen zu Gestalt und Funktion eines japanischsprachigen Briefleins aus Übersee (17. Jh.)

 

CALL FOR PAPER

One may scan work after work on history, society, and morality and find little reference to the fact that all people start as children and that all peoples begin in their nurseries. It is human to have a long childhood; it is civilized to have an ever longer childhood.


So formulierte es Erik Erikson in dem Vorwort zu seiner klassischen Studie (Childhood and Society, Penguin 1972: 13-14) und hielt fest, dass Historiker die „schicksalhafte Funktion der Kindheit im Gewebe der Gesellschaft“ ignorierten (S. 393). Das bedeutet nicht ein Fehlen an historischen Studien zu Kindheit und Jugend – insbesondere seit den 1950er Jahren ist deren Zahl gestiegen und Philippe Ariès Geschichte der Kindheit zu einem Klassiker der modernen Geisteswissenschaften geworden. Doch, um in der Sprache Eriksons zu bleiben, „Historiker und Philosophen erkennen zwar ein ‚weibliches Prinzip‘ in der Welt, aber nicht die Tatsache, dass der Mensch von Frauen geboren und aufgezogen wird“ (ebenda), und so haben sich Gender Studies als ein moderner Zweig der Kulturwissenschaften etablieren können, aber Kindheits- und Jugendstudien als in sich geschlossenes epistemologisches Feld sind nicht zu erkennen.

An der Bedeutung der kindlichen und jugendlichen Sozialisationsphase sowohl für den einzelnen wie für eine ganze Gesellschaft bestehen keine Zweifel. Ihrer Wichtigkeit trägt der Umstand Rechnung, dass ihre Bewältigung – in einer für die Gemeinschaft insgesamt zuträglichen Weise – von der Verantwortlichkeit einzelner (Eltern, Lehrer etc.) mit dem Heranwachsen des neuzeitlichen Staates insbesondere im Verlauf des 19. Jhs. in erheblichem Mass in den staatlichen Verantwortungsbereich mit seinen Zwangsmechanismen (Schulpflicht etc.) übergegangen ist.

Wahrnehmungsweisen, Basiselemente von Weltbildern, die für selbstverständlich angesehen wurden, sind keineswegs naturgegeben, sondern verdanken sich geschichtlichen, gesellschaftlichen etc. Faktoren, die das Gerüst abgeben, innerhalb dessen sich das menschliche Vorstellungsvermögen bewegt. So wie Geschlechterrollen als Produkte geschichtlicher Prozesse verstanden werden können, unterliegen auch die Vorstellungen von „Kind“, „Kindheit“ und „Jugend“ historischen Veränderungen. Die Auseinandersetzung mit ihnen gibt den Blick frei auf den Spannungsbogen von Wirklichkeitskonstituierung einerseits – im Sinn theoretischer und normativer Ordnungsvorstellungen, mit denen ein Netz von Bedeutungszuschreibungen gewoben wird, das die Wirklichkeit als intelligibel und beherrschbar erscheinen lässt – und historischer Erfahrung andererseits – wie sie sich mit Hilfe von subjektiv gefilterten Repräsentationen in visuellen und textuellen Zeugnissen aber auch Relikten der materiellen Kultur nachzeichnen lässt.

Um aber überhaupt auf diese Ebene der Bedeutungszuschreibungen und ihrer Analyse zu gelangen, sind für den Fall Japans zunächst Vorarbeiten zu leisten. Trotz der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Quellen und einer recht umfangreichen Forschungsliteratur in japanischer Sprache hat das Thema „Kindheit“ bzw. „Jugend“ als geschichtswissenschaftlicher Gegenstand in der westlichen Japanologie wenig Aufmerksamkeit gefunden.

In seinem kurzen Abriss Childhood in World History (2005) zeichnet Peter Stearns eine Universalgeschichte der Kindheit nach, die sich durch die weltweite Verbreitung und Rezeption eines bestimmten Modells von Kindheit – ihrem europäisch-nordamerikanischen Entwurf – im Zeitalter der Industrialisierung und dann der Globalisierung auszeichnet. Unter den alternativen „Kindheiten“ wird auch der japanischen ein Kapitel gewidmet. Diese wird als Beispiel für die erfolgreiche Adaption des „modernen Models“ vorgestellt, ohne dass die „japanische Kindheit westlich geworden wäre“ (S. 73). Stearns musste sich für seine Darstellung der Kindheit in Japan und ihrer Geschichte auf nur wenige bescheidene nichtjapanischsprachige Materialien verlassen und damit zu einem wenig differenzierten Bild gelangen.

Die Vorträge der Sektion sollen helfen, diese Lücke zu schliessen. Sie sollen insbesondere Aspekte der Geschichte von Kindheit und Jugend sowie der Vorstellungen, die von ihnen entworfen wurden, herausarbeiten, die Stearns angesichts der schlechten Quellenlage verborgen bleiben mussten, und den Zugang zu Quellen öffnen, die für die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Kindheit und Jugend in Japan grundlegend sind. Dabei können familien- und gendergeschichtliche Ansätze einbezogen werden. Je nach zeitlicher Verfügbarkeit in der Sektion können grössere Forschungsarbeiten in Vorträgen von 30 Minuten Länge mit 15 Minuten Diskussionszeit vorgestellt werden, laufende Vorhaben in kürzeren Referaten von 20 Minuten Länge mit 10 Minuten Diskussion. Es wird gebeten, möglichst früh Rücksprache zu halten, Themenvorschläge spätestens aber bis zum 31. Juli 2011 zusammen mit einer Zusammenfassung von nicht mehr als einer Seite an Prof. Dr. Michael Kinski zu senden.


Prof. Dr. Michael Kinski
Goethe-Universität Frankfurt
Japanologie
FB 9: Sprach- und Kulturwissenschaften
Senckenberganlage 31
60325 Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0)69 798-23249
Fax: +49 (0)69 798-22173
E-Mail: kinski(at)em.uni.frankfurt.de